Nur So Am Rand
label: dialog
production: claud, illwill, sepalot, flex.
guest: luut und tüütlich, gimma, breitbild, yodith, toni lonoce, chrüüzchaibä
year of release: 2004
website: bauers.ch
 
tracklisting
1. Intro
2. Stell dr vor
3. I han
4. Näschtbeschmutzer
5. Stadttiar feat. Luut und Tüütli
6. Sie
7. Gschätzts Publikum
8. Miin Typ
9. Lösigsvorschläg feat. Gimma und Breitbild
10. Fernweh feat. Texta
11. Geometrie (180°)
12. Sgit Schlimmers
13. Sinneswandel
14. Lag vur Welt
15. Mängmol feat. Yodith
16. Usreda feat. Toni Lonoce, Chrüüzchaibà
17. Salz vur Erda
18. Nur so am Rand
Wer diese Tage in der Schweiz den Soul sucht, sollte gegen Osten reisen. Und wer glaubt, dass es dort nichts zu sehen gibt, weil alle wirklich grossen Dinge eh im Westen passieren - ja, der hat sich gewaltig getäuscht. Mr Claud Da Beatmaker, seines Zeichens Seelenbruder #1, besitzt die Gabe, aus alten Schnipseln Neues zu kleistern, so, dass uns weder die Galle hochkommt noch der Unterkiefer einschläft, wir uns leicht wehmütig an die guten alten 90er erinnern und die Gefühlsbetonteren unter uns in wahre Freudentränen ausbrechen.
Wohl nicht zufällig ist es 'Smoove Fella', der das Album eröffnet ("Intro") und gleich darauf - anstatt den ordinären Champagnerkorken knallen zu lassen - dezent die Rotweinflasche öffnet. "Stell dr vor" ist Retrospektive und Ausblick in einem. Die Erkenntnis, dass Ende auch Anfang und Anfang auch Ende heissen kann, wenn es manchmal einfach darum geht, dass alles, was gut ist, beim alten bleibt.
Während der weltweite Einfluss auch CH-Hip Hop zum persönlichen Aerobic-Video verkommen lässt, erzählen Sektion Kuchikäschtli ihre Geschichten weiterhin ‚nur so am rand'. Nur weil jemand beim Hüftschwung das Hirn einschaltet, heisst das aber noch lange nicht, dass die Party nicht gut wird. Was die Inhalte angeht, sollte gesagt sein, dass noch immer an jeder Ecke Geschichten lauern, die nur darauf warten, gut erzählt zu werden. Wozu halt manchmal etwas mehr gehört, als dass im Hintergrund möglichst viele Homies die Arme in die Luft werfen. Persönliches zum Beispiel ("Sie", "Nur so am Rand") oder Gedanken zur Weltlage ("Lösigsvorschläg", "Lag vur Welt", "Salz vur Erda"), immer gut verpackt und mit einer guten Portion Selbstironie garniert, damit es nicht allzu pathetisch klingt. Und auch rappen über Rap kann - gottseidank - immer noch sehr erfrischend sein. Wie zum Beispiel "Miin Typ" oder das etwas behäbige "Gschätzts Publikum". "Sgit Schlimmers" zeigt dann zu einer trockenen Bassline mögliche Alternativen zur Hip Hop Karriere auf. Kurz darauf scheint man sich aber entschieden zu haben ("Sinneswandel"):
"...denn i will nüm aspruchsvoll si, i will Radiohits/ erreiche d Masse und gib nur no im ne Stadion gigs/ kei Luscht me mit em Zug an Uftrit und kein Blasse wie hei/ wel niemer vo üs es Auto hät - aber i bschaff mer grad 2/.../ und i däm sich Pickelkids i mini wäcke flows verliabn/ land i nur no Spitzehits und werd zum gschleckte Grossverdiener/ de Markt isch do sehr chli, doch um mi us de Bedrängnis zrette/ chauf i eifach en guete Dix und fang a uf englisch zräppe"
("Denn ich will nicht mehr anspruchsvoll sein, will Radiohits / erreich die Masse und geb nur noch im Stadion gigs/ keine Lust mehr mit dem Zug an 'nen Auftritt und keine Ahnung wie heim/ weil niemand von uns ein Auto hat - aber ich beschaff' mir grad 2/.../ und in dem sich Pickelkids in meine wacken flows verlieben/ land' ich nur noch Spitzenhits und werd zum geschleckten Grossverdiener/ der Markt ist hier sehr klein, doch um mich aus der Bedrängnis zu retten/ kauf ich mir nen guten Dix / und fang halt an auf Englisch zu rappen")
Soweit so gut. Humorvolle Konzepttracks (auch das geistreiche "Geometrie (180°)") wirken ausgeklügelt und ausgefeilt und doch, ist es schliesslich der Mix, auf den es ankommt. Darum folgt auf Humorvolles Besinnliches und umgekehrt. Mit "Fernweh" (feat. Texta aus Linz) ist da ein wahres Meisterwerk gelungen. Musikalisch vielleicht nicht grad fürs Hip Hop-Regal, dafür umso relaxter. Ein leichter Bossa-Beat weht wie die Brise vom Meer her. Das Meer in Gedanken, wohlverstanden, denn: was bleibt vom Fernweh, wenn die Ferne nicht in der Ferne bleibt? Darum lieber auf Balkonen chillen und mit Sehnsucht Reisepläne schmieden, die dann doch nie in die Tat umgesetzt werden, weil sich immer ein Grund findet, zu Hause zu bleiben. Auch "Mängmol" mit Yodith spricht von einem Paradox. Und vielleicht einigen aus dem Herzen:
"Han Fründe wo sich als söttig sicher treu bewähren/ und wie andersch als guet sölls mer goh als Mitteleuropäer/ mir läben nid im Wohlstand, sondern in grosser Verschwendig/ Konsumgsellschaft isch defür en eher koscheri Wendig/.../ Üs chans gar nid würklech schlecht go aber mängmol gohts halt glich/ s Läba plogt hauptsächlich anderi aber mängmol plogts au dich.."
("Hab Freunde, die sich als solche sicher treu bewähren/ und wie anders als gut soll es mir gehen als Mitteleuropäer/ wir leben nicht im Wohlstand, sondern in grosser Verschwendung/ 'Konsumgesellschaft' ist dafür eine eher koschere Wendung/.../ Uns kann es gar nicht wirklich schlecht gehen aber manchmal halt doch/ das Leben plagt hauptsächlich andere aber manchmal auch dich")
Überhaupt schafft es Rennie oft, auch mit simplen 2Zeilern die Reime so zu weben, dass man selbst ganz schön ins Grübeln kommt. Aber wer sagt, dass leises Kopfnicken nicht auch Rap bedeutet? Dazu diese herrliche Musik, die wirklich so ganz international daherkommt.
Zugegeben: Es handelt sich hier nicht um verstrickt-vertrackte Neudefinitionen. ‚Solide' trifft die Sache wohl ganz gut. Solide und eingängig. Hauptsächlicher Bestandteil sind diese schwarzen Scheiben aus Kisten mit einer 60 oder 70 drauf. Gut gewählt, dann bis zur Unkenntlichkeit hochgepitcht und mit Gitarre, Sax und Flöte angereichert. Für den zusätzlichen Ohrwumfaktor sorgt Yodiths warme Stimme. Wunderbar. Schliesslich beweist uns Rennie, dass Rap immer noch heisst, Geschichten gut erzählen zu können. und sei es auch hie und da über soulige Beats. Zum Glück.
review: denise
 
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